Theodor-Kramer-Preis an Stefan Horvath

Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und Exil geht an den Ober­war­ter Rom und Au­tor Ste­fan Hor­vath und den His­to­ri­ker Gerhard Scheit

 

Preisbegründung

 

Februar 1995, einen Tag, nachdem sein Sohn Peter Sárközi und drei andere jun­ge Roma beim Terror­anschlag von Oberwart er­mor­det wor­den wa­ren, be­gann Stefan Horvath zu schrei­ben. Er schrieb, weil er nicht mehr schla­fen konn­te, weil er sein gan­zes Leben lang, wie er selbst sagte, still ge­blie­ben war, so wie auch schon sein Vater, der die Kon­zentra­tions­la­ger Dachau, Buchenwald, Gusen und Mauthausen über­lebt hat­te und seine Mutter, Über­le­ben­de der Kon­zentra­tions­la­ger Auschwitz und Ravensbrück. Seit 1995, seit seinem 46. Lebens­jahr, schreibt Ste­fan Horvath, er schreibt über das Über­leben der Roma in Ober­wart wäh­rend des Porajmos, über das Le­ben nach 1945, nach 1995. Er er­zählt und sein Er­zäh­len ist ein An­kämpfen ge­gen das eige­ne Still­schwei­gen und gegen das Tot­schwei­gen durch die Gesell­schaft. Seit 2003 sind die Bücher „Ich war nicht in Auschwitz“, „Katzenstreu“, „Atsinganos. Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen“ er­schie­nen, viele Gedichte und der Ein­akter „Be­geg­nung zwi­schen einem Engel und einem Zigeuner“ ent­standen. Es sind star­ke litera­ri­sche Arbeiten über den all­täg­li­chen Anti­ziganis­mus in Österreich, wel­che das Schwei­gen bre­chen, den Dis­kri­mi­nie­run­gen, der er­drücken­den Un­ge­rech­tig­keit, dem Hass ein Ende setzen wol­len. Stefan Horvath schreibt ohne Ver­bitte­rung, ohne Il­lusion, je­doch mit viel Hoffnung und meis­ter­haftem er­zähle­ri­schem Können.

 

Quelle: www.frodo.at
Quelle: www.frodo.at

 

Biographie von Stefan Horvath (Oberwart)

 

Stefan Horvath wurde am 12. November 1949 in Oberwart, Burgenland, ge­bo­ren. Er wuchs in der zwei­ten, 1946 ent­stan­de­nen Oberwarter Roma-Siedlung, weit vom Orts­kern ent­fernt und zwi­schen Schieß­platz und Deponie ge­le­gen, auf. Die Sied­lung be­stand die ers­ten Jahre aus einer Ba­racke der Roten Armee, und als die Roma die ers­te Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen für die zu Un­recht er­lit­tene Haft er­hiel­ten, ließen sie von die­sen Zah­lun­gen Häuser in Mas­siv­bau­weise er­rich­ten. Lage und Aus­stat­tung der Sied­lung wa­ren Symbol dafür, wie we­nig will­kom­men die Roma, die die NS-Ver­fol­gung über­lebt hat­ten, in ihrer Hei­mat wa­ren.

 

Die erste, seit 1857 bekundete Roma-Siedlung war 1939 auf­ge­löst, ihre 360 Be­woh­nerIn­nen vom NS-Regime de­por­tiert und er­mor­det wor­den. Nur ein Dutzend Men­schen hat­te den Porajmos über­lebt und war nach 1945 zurück­ge­kehrt. Unter den Über­leben­den be­fand sich Stefan Horvaths Vater, der eben­falls Ste­fan hieß und Lanzo ge­ru­fen wur­de. Dachau, Buchen­wald, Gusen und Maut­hausen waren zwi­schen 1939 und 1945 die Sta­tio­nen seines Leidens­weges ge­we­sen. Die kleine Ge­mein­de Jabing liegt sechs Kilo­meter süd­öst­lich von Ober­wart. Von den ca. 100 Roma, wel­che dort bis 1939 ge­lebt hatten, wa­ren fast alle er­mor­det wor­den, und einzig zwei Frauen waren in ihre Hei­mat zurück­ge­kehrt. Maria Horvath, kurz Mizzi ge­nannt, war eine der bei­den Frauen. Sie hat­te Auschwitz und Ra­vens­brück über­lebt. Sie wurde die Mut­ter von Ste­fan Horvath.

 

Die Roma waren 1946 in Oberwart nicht will­kommen. Auf den ur­sprüng­li­chen Stand­platz konn­ten sie nach 1945 nicht mehr zurück­kehren, weil die Häu­ser 1939 von National­sozia­lis­ten dem Erd­boden gleich ge­macht wor­den waren. Dass sie in einer Baracke un­ter­ge­bracht wurden, er­weckte natür­lich auch As­so­zia­tio­nen an die über­lebte Lager­zeit. Wie aus­geschlos­sen die Roma waren, wird da­durch er­sicht­lich, dass Ste­fan Hor­vath als erster Rom die Haupt­schule be­su­chen konn­te, durf­te. Bereits vor 1939 war „Zigeu­nern“ der Schul­besuch ver­wehrt ge­blie­ben, kaum jemand in der Sied­lung konn­te lesen oder schrei­ben. Mit 15 Jahren be­gann er man­gels Zukunfts­per­spek­tiven im Bur­gen­land als Bau­hilfs­arbeiter in Wien zu ar­bei­ten und kehrte jedes Wochen­ende in die Roma­sied­lung zurück. Unter sei­nen Kol­le­gen ver­spürte er keine An­fein­dun­gen, kei­nen Aus­schluss, keine Diskri­mi­nie­rung. Am „Bau“ ver­diente er um vieles mehr, als die ande­ren Roma aus Ober­wart und schaffte es bis zum Be­triebsrat.

1972 sollte die zweite Roma-Siedlung ab­geris­sen wer­den. Ober­wart war ge­wach­sen und be­nötig­te ein größe­res Kranken­haus. Die Be­woh­nerIn­nen der Sied­lung wur­den in ein neu: „am Anger“ um­ge­siedelt. Man bezog neue Sub­stan­dard-Häuser, die nun noch ein Stück wei­ter vom Orts­kern ent­fernt lagen.

 

In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 wurden vier jun­ge Män­ner der Sied­lung un­ruhig. Sie hat­ten un­gewöhn­li­che Tätig­kei­ten an einer Zu­fahrts­straße be­obach­tet und woll­ten über­prüfen, was dort ge­schah. Der rechts­extre­me Terrorist Franz Fuchs hatte ein Schild mit der Auf­schrift „Roma zurück nach Indien“ auf­ge­stellt und mit einer Rohr­bombe ver­mint. Die vier jun­gen Männer woll­ten das Schild kurz vor Mit­ter­nacht de­mon­tie­ren und wurden durch die Ex­plo­sion der Bombe ge­tötet. Einer der Toten war Ste­fan Horvaths Sohn Peter Sárközi. Er war zu die­sem Zeit­punkt 27 Jahre alt. Er­mor­det wurde Josef Simon Nardai, Hompa ge­nannt. Er war 40 Jahre alt. Schon seine Mutter Helene Nardai hat­te einige KZ über­leben müs­sen. Die jüngsten Er­mor­de­ten waren die Brüder Karl und Erwin Horvath, 22 und 18 Jahre alt. Sie waren die Enkel­kinder des KZ-Über­lebenden Michael Horvath, der Buchen­wald und Maut­hausen über­lebt hatte.

 

Am 5. Februar folgten auf Weisung eines burgen­län­di­schen Richters Haus­durch­suchun­gen der Gendar­me­rie, nicht bei Rechts­extre­mis­ten in ganz Öster­reich, son­dern in der Roma-Siedlung. Man ging von einer „Fehde“ un­ter Roma aus. Dabei stand zur glei­chen Zeit für die Fahn­der aus Wien schon längst fest, dass es sich um rechts­extre­men Terror han­delte. Nicht ein­mal vor dem Schrecken mach­ten die Schika­nen halt.

An diesem 5. Februar 1995, als sein Sohn tot war, be­gann Stefan Hor­vath zu schrei­ben. Zuerst ein Ge­dicht: „Ich möcht ein Engel sein“. Er schrieb, weil er nicht mehr schla­fen konn­te, weil er sein gan­zes Leben lang, wie er selbst sagte, still ge­blie­ben war, so wie auch schon sei­ne Eltern. Sein ers­tes Buch hieß „Ich war nicht in Auschwitz“. Darin er­zählt er in Ich-Form die Er­leb­nisse seiner Eltern­gene­ra­tion, er­zählt über Ver­fol­gung und Mord. Das Buch er­schien 2003 dank der Unter­stützung des Regis­seurs und Musi­kers Peter Wagner, der auch Stefan Horvaths ers­tes Ge­dicht ver­tonte.

 

Ebenfalls 2003 entstand Peter Wagners Film „Stefan Horvath, Zigeuner aus Oberwart“. Im Programm­buch der Diagonale 2005 steht über das filmi­sche Porträt von Ste­fan Horvath, dass die­ses „dem Zu­seher eine bemer­kens­werte Per­­sön­­lich­­keit [näher­­bringt], die trotz des Dramas, das nach wie vor auf den Roma las­tet, ihre Lebens­freude und ihren skep­ti­schen Opti­mis­mus nicht ver­lo­ren hat“. Im Jän­ner 2005 wurde Stefan Hor­vaths Theater­stück „Begeg­nung zwi­schen einem Engel und einem Zi­geu­ner“ in Ober­wart ur­auf­ge­führt. In dem Ein­akter schreibt Ste­fan Horvath gegen die Sprach­losig­keit zwi­schen Roma und Gadsche an. Regie führte Angelika Messner, der Haupt­dar­stel­ler war Christoph F. Krutzler.

 

2007 kam „Katzenstreu“ heraus, Stefan Horvaths Erzäh­lung aus drei Perspek­ti­ven auf den Terror­anschlag 1995. Teil der Er­zäh­lung ist ein aus­führ­li­cher Brief an den Mörder sei­nes Sohnes: Franz Fuchs. In dem Brief an den in­zwi­schen ver­stor­be­nen At­ten­tä­ter beschreibt er, wie ver­zwei­felt er nach dem Atten­tat war, wie „er Angst hatte, wahn­sin­nig zu wer­den“, erzählt, dass er sich um­brin­gen woll­te, dass er vom toten Adres­sa­ten in den ver­zwei­feltsten Stun­den sei­nes Lebens ge­quält und ver­höhnt wurde – und dass er, Stefan Horvath, am Ende der Stär­kere war, „weil er den Hass aus sich ver­ban­nen konn­te“. 2008 ent­stand, basie­rend auf dem Buch und in Zusam­men­arbeit mit dem Musi­ker und Kom­po­nis­ten Willi Spuller und dem Spre­cher Karl Markovics die Hör­spiel-CD „Katzenstreu“.

 

2013 erschien das Buch „Atsinganos. Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen“. Darin be­schreibt der Autor mit großem er­zäh­le­ri­schem Kön­nen das Le­ben und Über­leben in Öster­reich nach 1945.

 

2013 erhielt Stefan Horvath als erster Schrift­steller den „Roma-Literatur­preis des Öster­rei­chi­schen PEN“.

 

Text: Theodor Kramer Gesellschaft)

 

Roman Urbaner (dROMa)

http://www.roma-service.at/dromablog/?p=36984

 

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