Kosovobericht: Lost in Transition

Quelle: GFBV Schweiz
Quelle: GFBV Schweiz

GfbV-Studie zur Zwangsmigration von Roma aus dem Kosovo (2015)


GfBV-Bericht: Lost in Transition. The Forced Migration Circle of Roma, Ashkali and Balkan Egyptians from Kosovo (108 S., PDF, 7,8 MB) | Zusammenfassung (PDF, 176 KB)

 

 

 

 

 

 

 

 

Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter sind im Kosovo wei­ter­hin einer struk­tu­rel­len und ku­mu­la­ti­ven Dis­kri­mi­nie­rung aus­ge­setzt; sie ha­ben kaum Zu­gang zu Ar­beit und Wohn­raum und die Kinder wer­den in den Schulen dis­kri­mi­niert. Flüch­ten sie Rich­tung West­europa, wer­den sie innert kür­zes­ter Zeit wie­der in den Kosovo zu­rück­ge­schickt, bloß um den Ko­so­vo wie­der zu ver­las­sen, da sie dort nicht le­ben kön­nen – ein Teufels­kreis. Der neu­este Be­richt der Ge­sell­schaft für be­drohte Völker Schweiz (GfbV) zeigt die­ses Ver­sagen Euro­pas auf. Die GfbV for­dert nach­hal­tige Lösun­gen und ruft auf, von der zwangs­wei­sen Rück­füh­rung von Roma, Asch­kali und Bal­kan-Ägyp­tern ab­zu­sehen.

 

 

Der Mitte Dezember 2015 veröffentlichte Bericht der Gesell­schaft für be­drohte Völ­ker Schweiz (GfbV) «Lost in Transition – The forced migra­tion circle of Roma, Ashkali and Balkan Egyptians from Kosovo» zeigt auf, dass die bis­he­ri­ge Politik West­europas, Roma, Asch­kali und Bal­kan-Ägyp­ter zwangs­weise in den Koso­vo zurück­zu­führen, ge­scheitert ist. Die Mehr­heit der ab­ge­scho­be­nen Roma, Aschkali und Balkan-Ägyp­ter muss den Ko­sovo wie­der ver­las­sen, da eine struk­tu­rel­le und ku­mu­la­tive Dis­kri­mi­nie­rung ihnen ein Über­leben im Kosovo un­mög­lich macht. Die meis­ten gehen daher ent­weder in den Unter­grund in West­europa oder nach Serbien, in der Hoff­nung in einem der in­for­mel­len Slums über­le­ben zu können.

 

Familien vor Ort befragt

 

In den Jahren 2014 und 2015 befragte die GfbV 70 Familien, die aus West­europa zwangs­weise in den Kosovo rück­ge­führt wor­den sind. 30 Fa­mi­lien da­von hat­ten zu diesem Zeit­punkt den Kosovo be­reits Rich­tung Serbien ver­las­sen und wur­den dort befragt. Als die GfbV die Befrag­ten im August 2015 wieder kon­tak­tie­ren woll­te, wa­ren von den Fami­lien noch ganze 7 im Kosovo und 15 in Serbien – 48 Fa­mi­lien be­fan­den sich wie­der in West­europa.

 

Dass Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter im Kosovo keine Lebens­grund­lage haben, ist in ers­ter Linie die Folge der Dis­kri­mi­nie­rung, aber auch der all­gemei­nen schlech­ten wirt­schaft­li­chen Lage des Landes. Unter den Haus­hal­ten, die die GfbV im Ko­sovo be­frag­te, gab es keine ein­zige Person, die eine lega­le An­stel­lung hatte. Die Haupteinnahmequelle im Kosovo waren Über­weisun­gen von An­ge­hö­ri­gen aus West­europa. Eine ver­mehrte zwangs­weise Rück­füh­rung in den Kosovo wird da­her die para­doxe Wir­kung haben, dass auf­grund der zurück­gehen­den Über­weisun­gen aus dem Aus­land noch mehr Roma, Aschkali und Bal­kan-Ägyp­ter den Kosovo ver­las­sen werden.

 

Den Kindern werden so die Zukunftsperspektiven genom­men. Im Koso­vo be­such­ten nur 25% der zwangs­rück­ge­führ­ten Kinder im schul­pflich­ti­gen Alter die Schule, wäh­rend in West­europa alle Befrag­ten die Schule be­suchten.

Gescheiterte Wiedereingliederungsstrategie der Regie­rung

Die Regierungsstrategie Kosovos zur Wiedereinglie­de­rung der rück­geführten Per­so­nen sieht zwar ver­schie­dene Unter­stützungs­mög­lich­keiten vor. In den 70 be­frag­ten Haus­hal­ten hatte je­doch z.B. keine einzige Person an einem Aus­bil­dungs­programm oder einer Ar­beits­be­schaf­fungs­maß­nahme teil­ge­nommen.

 

Der Auswanderungsdruck wird durch die katastrophale Wohnungs­situation ver­stärkt. Viele Häuser wur­den in der Nach­kriegs­zeit zer­stört oder il­le­gal be­setzt. Der seit 2003 be­ste­hen­den Ver­pflich­tung, diese Sied­lungen zu le­ga­li­sieren, um so die Woh­nungs­not zu lin­dern, ist die Regie­rung des Kosovo bis heute nicht nach­ge­kommen.

 

GfbV fordert Lösungen

 

Die GfbV ruft daher die Mitgliedsstaaten der EU wie auch die Schweiz auf, ge­gen die struk­tu­rel­le und ku­mu­la­ti­ve Dis­krimi­nie­rung der Roma, Aschka­li und Balkan-Ägyp­ter im Sinne der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­vention vor­zu­gehen und von der zwangs­weisen Rück­führung von Roma, Asch­kali und Balkan-Ägyptern ab­zu­sehen. Stattdessen sollten die westeuropäischen Staaten einer durch­dachten, ziel­füh­ren­den und nach­hal­ti­gen Pol­i­tik fol­gen:

 

1. Dauerhafte Integration der bereits länger in Westeuropa le­ben­den Roma-, Asch­kali- und Bal­kan-Ägyp­ter-Flücht­lin­ge, so lan­ge die sys­te­ma­ti­sche und ku­mu­la­ti­ve Dis­kri­mi­nie­rung an­dauert.
2. Legale Arbeits- und Ausbildungsprogramme für Roma, Asch­kali und Bal­kan-Ägyp­ter aus dem west­li­chen Balkan in West­europa.
3. Umsetzung von Integrationsprogrammen für Roma, Aschkali und Bal­kan-Ägyp­ter in den Län­dern des west­li­chen Bal­kans.

 

Text: GfbV.ch, 16.12.2015

 

Roman Urbaner (dROMa)

http://www.roma-service.at/dromablog/?p=36601

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0