„Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“

Quelle: Gegen das Vergessen
Quelle: Gegen das Vergessen

Vor 30 Jahren, am 3. Juni 1986, ent­schul­dig­te sich der Schwei­zer Bun­des­prä­si­dent Alphons Egli für das Un­recht, das Hun­der­ten Jeni­schen, Roma und Sinti durch das „Hilfs­werk für die Kin­der der Land­strasse“ bis 1973 wi­der­fah­ren war.

 

 

 

 

 

 

Anlässlich dieses Jahrestags veranstal­tet die Schweizer Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Bern am 2. Juni eine Podiums­dis­kus­sion über die­ses düs­te­re Ka­pi­tel der Schwei­zer Ge­schich­te: Fyer (PDF)

 

Die Diskriminierung von Jenischen, Sinti und Roma reicht in der Schweiz weit zu­rück. So war es aus­län­di­schen Roma, Sinti und Jeni­schen zwi­schen 1906 und 1972 ver­boten, in die Schweiz ein­zu­rei­sen. Als sie im Zwei­ten Welt­krieg durch den National­sozia­lis­mus ver­folgt wur­den, ge­währte die Schweiz ihnen kein Asyl – eini­ge der Ab­ge­wie­se­nen star­ben an­schlie­ßend in Kon­zentra­tions­lagern. Doch nicht nur aus­län­di­sche Roma, Sinti und Je­ni­sche hat­ten es wäh­rend die­ser Zeit schwer in der Schweiz, auch die Schwei­zer Min­der­hei­ten­an­ge­hö­ri­gen waren den Be­hör­den ein Dorn im Auge. Diese sahen Roma, Sinti und Je­ni­sche als «Gefahr», die in «Banden» und «Horden» auf­trete und eine «Plage» sei». Sie wur­den in der Schweiz poli­zei­lich auf­ge­grif­fen und ihre Da­ten zwi­schen 1911 und 1990 im «Zigeunerregister» re­gistriert. Nach die­sem Ein­trag wur­den die Fa­mi­lien ge­trennt: Frauen und Kinder wur­den in Heimen un­ter­ge­bracht, wäh­rend die Männer in Straf­anstal­ten über­führt wur­den.

 

Ein besonders dunkles Kapitel hinsicht­lich der Schweiz im Um­gang mit ihren Minder­heiten war das so­ge­nannte «Hilfs­werk für die Kin­der der Land­strasse» der Or­ga­ni­sa­tion Pro Juventute, wel­ches auch vom Bund finan­ziell unter­stützt wur­de. Ziel dieses Pro­jekts war es, die Schwei­zer Je­ni­schen zu «sess­haften, brauch­baren Bürgern» zu ma­chen, was schluss­end­lich die Aus­rot­tung der je­ni­schen Kultur mün­den soll­te. Im Rah­men des «Hilfswerks» wur­den zwi­schen 1926 und 1973 fast 600 je­ni­sche Kinder ihren Fa­mi­lien ent­ris­sen und in Heimen oder Pflege­fa­mi­lien fremd­platziert. Für die Be­trof­fe­nen hat­ten die Fremd­platzie­run­gen und für­sor­ge­ri­schen Zwangs­maß­nah­men tief­grei­fen­de Fol­gen: Sie wa­ren oft grau­sa­men Miss­hand­lun­gen und in vie­len Fällen auch sexuel­lem Miss­brauch aus­ge­setzt. Ein Vier­tel von ihnen wur­de kri­mi­na­li­siert und weg­gesperrt. 80% der Be­trof­fe­nen konn­ten kei­nen Be­ruf aus­üben.

 

Erst am 3. Juni 1986, anlässlich der Nationalrats­de­batte über den Ge­schäfts­be­richt des Bundes­rates, ent­schul­dig­te sich der da­ma­lige Bun­des­prä­si­dent Alphons Egli dafür, dass der Bund das «Hilfs­werk für die Kinder der Land­strasse» mit­finan­ziert hatte. Diese Ent­schul­di­gung war ein wich­ti­ger, sym­bo­li­scher Akt der po­li­ti­schen Auf­ar­bei­tung der schwe­ren und sys­te­ma­ti­schen Ver­fol­gung, wel­cher die Jeni­schen in der Schweiz bis 1973 unter­zogen wur­den und mar­kierte einen Wende­punkt auf dem Weg hin zur An­er­ken­nung die­ser Min­der­heit.

 

Die Gesellschaft für bedrohte Völker fordert daher:

 

• Umsetzung des Europäischen Rahmen­über­ein­kom­mens zum Schutz natio­na­ler Min­der­heiten
• Aufarbeitung und Vermittlung der Kultur-und Ver­fol­gungs­ge­schichte der Je­ni­schen, Sinti und Roma in der Schweiz
• Anerkennung der Jenischen, Sinti und Roma als na­tio­nale Min­der­heiten
• Verstärkte politische Partizipation und Teilhabe der Selbst­orga­ni­sa­tio­nen der Je­ni­schen, Sinti und Roma

 

Text: GfbV.ch

 

Roman Urbaner (dROMa)

http://www.roma-service.at/dromablog/?p=36410

 

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