Hoffnung für Kinder in Rumänien

Armut und Diskriminierung gehören für Kinder aus Roma-Familien zum Alltag. Das soll sich ändern. Die rumänische Kleinstadt Dumbrăveni geht mit gutem Beispiel voran.

 

Carina will Ärztin werden. Die Siebenjährige weiß, dass sie dafür viel lernen muss – und fängt im Tageszentrum damit an - Quelle: SN/Eva Hammerer
Carina will Ärztin werden. Die Siebenjährige weiß, dass sie dafür viel lernen muss – und fängt im Tageszentrum damit an - Quelle: SN/Eva Hammerer

 

Hoffnung für Kinder in Rumänien

Florina ist acht Jahre alt. Sie schiebt die Kugeln auf dem Rechenschieber hin und her und schreibt Zahlen auf ein Blatt Papier. Sie macht ihre Hausübungen, wie auch 14 andere Mädchen und Buben von sieben bis zwölf Jahren im Tageszentrum in der rumänischen Kleinstadt Dumbrăveni (dt. Elisabethstadt) in Siebenbürgen. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich nicht von anderen Kindern: Sie lieben Tempelhüpfen, Tischtennis oder Fußball und interessieren sich für Tiere und Pflanzen. Sie wollen Ärztinnen werden, Lehrerinnen oder Polizisten und Piloten.

 

Doch ihre Zukunftschancen sind schlecht: Sie gehören der Minderheit der Roma an. Diskriminierung und bittere Armut prägen ihren Alltag. Viele Eltern können nicht lesen oder schreiben und ihren Kindern daher auch nicht bei den Hausaufgaben helfen. Die Familien leben meist in desolaten Hütten. Die wenigsten verfügen über einen Wasser- oder Stromanschluss.

 

Das Tageszentrum steht unter der Leitung des Diakoniewerks. Ziel ist es, Kindern aus sozial benachteiligten Familien in ihrer Heimat eine gute Zukunft zu ermöglichen und das Gelernte aus der Schule auch zu verinnerlichen. Sie sollen dort aber auch ganz basale Dinge lernen: Sich zu waschen, beim Essen an einem Tisch zu sitzen oder zu grüßen. Die Leiterin des Zentrums, Eva Gyerko, formuliert es so: „Wir wollen für sie ein zweites Zuhause schaffen.“ Hier bekommen die Kinder auch regelmäßig warme Mahlzeiten. Das können viele Eltern ihren Kindern nicht bieten, weil das Geld dafür fehlt. Zur Nachmittagsjause gibt es Obst. Florina nimmt ihre Banane mit - für ihren zweijährigen Bruder.

 

Die Kinder lernen und spielen gemeinsam - Quelle: SN/Eva Hammerer
Die Kinder lernen und spielen gemeinsam - Quelle: SN/Eva Hammerer

 

Viele Kinder aus dem Tageszentrum gehen in Dumbrăveni in die Sonderschule. Direktor Mircea Prodan Vasile kennt die Sorgen und Nöte der Familien gut. Er weiß, dass die Kinder oft helfen müssen, um das karge Einkommen der Familien aufzubessern. Die wenigsten Eltern haben Arbeit und erhalten Sozial- und Kinderbeihilfe. Im Frühling etwa sammeln sie Schnecken, die dann auf Märkten verkauft werden. Darum blickt der Direktor auch darüber hinweg, wenn die Kinder fehlen: „Wenn sie sich zwischen Schule und Überleben entscheiden müssen, dann fällt die Wahl immer auf das Überleben“, erklärt er. Aber: „Es geht nicht, wenn nur die Kinder arbeiten und die Eltern nichts tun, nach dem Motto: Warum sollen sie zur Schule gehen? Ich war selbst nicht dort.“

 

Das gilt nicht für die 31-jährige Gabriela. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne (11 und 13) und sie legt großen Wert darauf, dass die beiden zur Schule gehen und auch das Tageszentrum besuchen. Gabriela selbst hat drei Mal die erste Klasse besucht - mehr Schulbildung kann sie nicht vorweisen. „Ich habe sieben Geschwister, es gab für mich keine Möglichkeit, in die Schule zu gehen“, sagt sie bedauernd. Sie leidet an Brustkrebs und hat Herzprobleme. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen: „Ich muss weitermachen - für meine Kinder. Ich will, dass sie es besser haben als ich.“

 

Auch der Direktor der Sonderschule hält das Tageszentrum für eine gute Einrichtung: „Sie lernen Respekt und Regeln einzuhalten - alles, was wichtig ist.“ Ob seine Schülerinnen und Schüler aus Roma-Familien stammen, ist ihm egal: „Sie alle sind meine Schüler“, erklärt er. „Und ein Roma-Kind weint wie ein Kind in Österreich. Sie können ja nichts dafür, dass sie in Rumänien geboren wurden.“

 

Das Tageszentrum - Quelle: SN/Eva Hammerer
Das Tageszentrum - Quelle: SN/Eva Hammerer

 

Das Zentrum besteht seit Sommer 2015. Anfangs war es in der Schule in Dumbrăveni unterbracht. Im Jänner befindet es sich in einem ehemaligen Wohnhaus in der Stadt, das von Spendengeldern angekauft wurde. Es wurde bereits vieles adaptiert, aber es sind weitere Umbauten notwendig: Getrennte Duschen und Toiletten für Mädchen und Buben, eine Küche, ein geräumiges Speisezimmer, in dem die Kinder gemeinsam essen können. Künftig sollen dort bis zu 25 Kinder Platz finden, die von 12 bis 16 Uhr betreut werden. Für Umbau und Erhalt des Zentrums sind aber weitere Spenden notwendig.

 

Ziel des Zentrums ist es auch, Vorurteile gegenüber Roma abzubauen. Daher sollen künftig auch Kinder aus notleidenden rumänischen Familien das Zentrum besuchen. Derzeit sind es nur Roma-Kinder. Doch zumindest zwei von ihnen stammten aus besseren Verhältnissen, erklärt Leiterin Eva Gyerko. „Eine soziale Durchmischung ist erwünscht.“ Im Zentrum arbeitet auch Alina. Sie stammt aus einer Roma-Familie, aber sie hat es geschafft: Sie studierte und ist auch in der Sonderschule als Mediatorin tätig. „Ich habe eine gute Beziehung zu den Kindern“, sagt sie. Und sie kennt auch deren Familien. Weitere Unterstützung kommt von einer Hilfskraft in Teilzeit. „Aber wir bräuchten mehr Mitarbeiter“, sagt Gyerko. Angedacht ist auch die Mitarbeit von Ehrenamtlichen.

 

Ana Palcu vom Diakoniewerk hat das Zentrum mitaufgebaut. Sie erklärt: „Die Not ist so groß und das Zentrum ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber es ist wie mit der Wüste und dem Wasser: Man kann zumindest kleine Oasen schaffen und das gibt uns die Kraft, weiter zu machen.“

 

Quelle: SN/Eva Hammerer

 

volksgruppen.orf.roma - aktuell.at

http://volksgruppen.orf.at/roma/stories/2775139/

 

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